Movimiento NATRAS:
Bewegung der
arbeitenden Kinder in Nicaragua
Seit 1991 existiert
in Nicaragua diese Bewegung. Sie nennt sich "Movimiento de Niños,
Niñas y Adoleszentes Trabajadores de Nicaragua", kurz "Movimiento
NATRAS". Sie entstand auf Initiative von Pädagogen aus verschiedenen
Projekten mit arbeitenden Kindern; alle von IESA unterstützten Projekte
waren durch MitarbeiterInnen an diesem Prozess beteiligt. Inzwischen hat
sie sich zu einer Organisationsform gewandelt, in der sich die Kinder
weitestgehend selbst vertreten. Sie verstehen sich selbst als Teil einer
kontinentalen Bewegung.
1978 entstand in Peru
unter dem Namen "MANTHOC" eine erste nationale Bewegung. Inzwischen existieren
in fast allen Ländern Lateinamerikas und der Karibik solche Organisationen.
In Nicaragua selbst
vertritt das "Movimiento NATRAS" über 7.000 in ihr organisierte Kinder
und Jugendliche. Diese wählen ihre nationale Vertretung, wobei das
aktive und passive Wahlalter auf 16 Jahre begrenzt ist. Das Hauptanliegen
des "Movimiento NATRAS" ist es, den arbeitenden Kindern Nicaraguas eine
politische Vertretung zu geben und sich für die Verwirklichung der
Kinderrechte, wie sie die Vereinten Nationen in ihrer Kinderrechtskonvention
formuliert haben, einzusetzen. Spektakulär in Erscheinung trat das
Movimiento mit ihrer 1994 zum ersten Mal durchgeführten Weihnachtsgeld-Aktion.
Ausgehend von dem Anspruch der arbeitenden Bevölkerung auf diese
Zusatzgratifikation gingen die arbeitenden Kinder selbst auf die Straße,
veranstalteten Pressekonferenzen usw., um ihren Anspruch geltend zu machen
und gleichzeitig Geld dafür zu sammeln.
Für politische
Furore sorgte auch ihre 1995 zum ersten Mal formulierte These: "Arbeit
ja - Ausbeutung nein". Sie wollen mit dieser provokanten Forderung darauf
aufmerksam machen, dass Kampagnen und Gesetze zur Abschaffung von Kinderarbeit
in der Regel nicht den Umstand bedenken, dass Kinderarbeit überlebensnotwendig
für die Kinder und deren Familien ist. Ebenso verweisen sie darauf,
dass Kinderarbeit per se nicht schädlich sein muss, wenn die sonstigen
Rechte der Kinder auf gesundheitlichen Schutz, Bildung und Spiel verwirklicht
werden: Einerseits kann sie das Selbstbewusstsein der Kinder fördern
- arbeitende Kinder verstehen sich eher als gesellschaftlich aktives Subjekt;
andererseits kann das arbeitsbezogene und soziale Lernen die Kompetenz
des Kindes bereichern. Diese Positionen zur Kinderarbeit haben international
die Diskussion um dieses Thema neu belebt.
Die Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Lateinamerikas und der Karibik - Movimiento Lationoamaricano y del Caribe de los Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores (MOLACNATS)
In Lateinamerika entstanden erste Zusammenschlüsse von arbeitenden Kindern Ende der 1970er Jahre, um sich für ihre Rechte einzusetzen und um bessere Arbeitsbedingungen zu erwirken. Die erste Kinderbewegung mit strukturiertem Charakter war "MANTHOC" in Peru. "MANTHOC" entstand im Zuge einer Streikbewegung, als viele Kinder arbeiten mussten, um den Lohnausfall ihrer Väter auszugleichen.
Seit den 80er Jahren entstanden Bewegungen arbeitender Kinder auch in anderen Ländern Lateinamerikas und der Karibik. 1988 fand in Lima erstmals ein kontinentales Treffen arbeitender Kinder statt, dem etwa alle zwei Jahre weitere Treffen folgten.
In Nicaragua gründete sich auf Initiative von Pädagogen verschiedenen Projekten mit arbeitenden Kindern die Bewegung "Movimiento de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores de Nicaragua (NATRAS)". Die von IESA in Nicaragua unterstützten Projekte waren durch Mitarbeiter/innen an diesem Prozess beteiligt. Jedes arbeitende Kind bis zum Alter von 16 Jahren kann Mitglied werden und erhält das aktive und passive Wahlrecht. Zu den Grundelementen ihres Selbstverständnisses gehört der Anspruch, respektiert zu werden und sich gegenseitig zu respektieren. Ebenso gehört zur Überzeugung der arbeitenden Kinder, dass sie mit der Übernahme ökonomischer und sozialer Verantwortung eher als andere Kinder Fähigkeiten zur autonomen Gestaltung ihres Lebens sowie ein Bewusstsein über ihre Bedeutung und ihre Rechte in der Gesellschaft entwickeln.
Um die aktive Rolle der Kinder bei der Lösung ihrer Probleme zu kennzeichnen, sprechen die lateinamerikanischen Bewegungen von Protagonismo Infantil. Damit wird ausgedrückt, dass die Kinder nicht einfach hilflose Opfer ihrer Situation sind, sondern gerade aus der Not heraus zu aktiven Subjekten mit eigenen Wünschen, Ideen, Meinungen, Vorschlägen werden können, die von den Erwachsenen ernst zu nehmen und als gleichberechtigte Partner zu begreifen sind. Der Gedanke des Protagonismo Infantil widerspricht dem verbreiteten Denken, dass Erwachsene am besten wüssten, was für Kinder gut und richtig ist.
Für politische Furore sorgte 1995 die von den NATRAS formulierte These: "Ja zur Arbeit - Nein zur Ausbeutung". Sie wollen mit dieser provokanten Forderung darauf aufmerksam machen, dass Kampagnen und Gesetze zur Abschaffung von Kinderarbeit in der Regel nicht den Umstand bedenken, dass Kinderarbeit überlebensnotwendig für die Kinder und deren Familien ist. Ebenso verweisen sie darauf, dass Kinderarbeit per se nicht schädlich sein muss, wenn die sonstigen Rechte der Kinder auf gesundheitlichen Schutz, Bildung und Spiel verwirklicht werden: Einerseits kann sie das Selbstbewusstsein der Kinder fördern - arbeitende Kinder verstehen sich eher als gesellschaftliche aktives Subjekt; andererseits kann das arbeitsbezogene und soziale Lernen die Kompetenz des Kindes bereichern. Diese Positionen zur Kinderarbeit haben international die Diskussion um dieses Thema neu belebt.
Einen großen Erfolg erzielte die "Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher Boliviens" (UNATsBol) Anfang 2009. Die neue Verfassung Boliviens nimmt erstmals Abstand von einem generellen Verbot der Kinderarbeit und bemüht sich um eine differenzierte Regelung. Die Verfassung erkennt an, dass die Arbeit von Kindern eine positive Bedeutung für die Gesellschaft und die Kinder selbst haben kann. Als entscheidend gelten die Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird.
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